Artikel von Ramona Markmiller – 31. März 2019

An dem aktuellen Beispiel Kolumbien lässt sich zeigen, welche weitreichenden Folgen der Einsatz von Kindersoldat*innen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen, ihre Familien sowie die gesamte Gesellschaft und den Staat hat.

Überblick: Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien

Nachdem Kolumbien bereits zwischen 1948 und 1953 eine Phase extremer Gewalt („La Violencia“ genannt) durchmachte, entstand in den Jahren 1964 bis 1966 ein über 50 Jahre dauernder bewaffneter Konflikt zwischen

  • den im Zuge von Landkonflikten entstanden, linken Guerillagruppen mit kleinbäuerlichen Wurzeln (FARC – „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ und ELN – „Nationale Befreiungsarmee“),
  • den rechten, Paramilitärs (v.a. Schutztruppen der Großgrundbesitzenden, aber auch der Drogenmafia; vom Militär unterstützt)
  • und dem kolumbianischen Militär.

Wer die Entstehung des Konflikts verstehen möchte, muss die vielfältigen Konfliktursachen näher in den Blick nehmen:

  • Die extreme soziale Ungleichheit, die sich in einer ungleichen Landverteilung (massenhafte Vertreibung von Kleinbäuer*innen durch Unternehmen und Großgrundbesitzende) und extremer Armut großer Teile der Bevölkerung widerspiegelt.
  • Der Mehrheit der kolumbianischen Bevölkerung wurde die politische Teilhabe aufgrund eines festgefahrenen politischen Systems verwehrt (fehlende Opposition und kaum politische Partizipationsmöglichkeiten förderten Klientelismus und Korruption).
  • Rechtsstaatliche Mechanismen versagen und politische Institutionen verlieren immer mehr an Glaubwürdigkeit (u. a. als Folge von Korruption und Nepotismus).
  • Rasantes Verbreiten des Drogenhandels seit den 1970er Jahren.

Die Konsequenzen dieser Faktoren sind erschreckend: der kolumbianische Staat hatte de facto „zu keinem Zeitpunkt seiner Existenz das Gewaltmonopol über das gesamte kolumbianische Territorium inne und nie eine effektive Gebietsherrschaft ausgeübt“ (Naucke/ Halbmayer 2011: 130) – die Guerilla (v. a. die FARC) fungierte in den marginalisierten ländlichen Regionen als Ersatz.

Immer wieder wurden Verhandlungen mit der FARC-Guerilla aufgenommen, die jedoch erfolglos blieben. Erst der erneute Anlauf im Oktober 2012 führte zunächst im Jahr 2014 zu einem einseitigen Waffenstillstand aufseiten der FARC und schließlich in die Unterzeichnung eines Friedensvertrags am 26. September 2016 – aber leider nicht zum Frieden in der Realität. Zwar ist der Prozess der Entwaffnung und Demobilisierung der FARC und deren Umwandlung in eine politische Partei inzwischen abgeschlossen, jedoch haben verschiedene paramilitärische Gruppen die Lücke geschlossen, die die Guerilla hinterlassen hat – und damit geht die Gewalt weiter. Die Sicherheit von ehemaligen Guerilleros und ihrer Familien kann bislang nicht garantiert werden, weshalb die FARC-Partei im Februar 2018 ihren Wahlkampf um die Präsidentschaftswahlen einstellen musste. Besonders erschreckend ist die Zahl ermordeter Menschenrechtsaktivist*innen und Leader sozialer Bewegungen, die im Jahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 45% anstieg (Schwarz/ Huck 2018). Auch wurden bislang kaum Forderungen des Friedensvertrags zur Lösung der Konfliktursachen in die Tat umgesetzt, weshalb viele Kolumbianer*innen sowie Menschenrechts- und Opferorganisationen die Bereitschaft der verschiedenen Akteure zur Umsetzung des Friedensvertrages anzweifeln. Hinzu kommt ein allgemeines Infragestellen der Umsetzbarkeit des Friedensvertrags.

Literatur zum historischen Überblick des bewaffneten Konflikts und Friedensprozesses in Kolumbien:

  • Blumenthal, Hans R. (2000): Träume vom Frieden, Realitäten des Krieges. In: Internationale Politik und Gesellschaft, 2, S. 146-159.
  • Huck, Alexandra (2017): Gerechtigkeit und Frieden für Kolumbien? Der bewaffnete Konflikt und Herausforderungen des aktuellen Friedensprozesses. Vortrag für den 6. Cologne Latin America Symposiom (CLAS) des connosco e.V.
  • Naucke, Philipp; Halbmayer, Ernst (2011): Radikale Neutralität als rechtmäßiger Widerstand? Zivile Friedensinitiativen in den Konfliktregionen Kolumbiens. In: Sociologus, 61 (2), S. 129-150.
  • Schwarz, Christiane; Huck, Alexandra (2018): Kolumbien. Online abrufbar unter: http://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54621/kolumbien, zuletzt aufgerufen am 31.03.2019.
  • Weber, Hans (2018): Fortsetzung der Gewalt in Kolumbien. Online abrufbar unter: https://amerika21.de/analyse/215865/kolumbien-fortsetzung-gewalt, zuletzt aufgerufen am 31.03.2019.

Rekrutierung von Kindersoldat*innen in Kolumbien

Unter den vielen Herausforderungen des Friedensprozesses bleibt die Frage, wie mit den ehemaligen Kindersoldat*innen (v.a. der FARC) umgegangen werden soll. Schätzungen besagen, dass die FARC ca. 7.400 Kindersoldat*innen im Verlauf des Konflikts in ihren Reihen aufgenommen hat und im Schnitt 25 bis 35 Prozent der Guerillakämpfer jünger als 18 Jahre waren. An dieser Stelle ist anzumerken, dass nicht nur die Guerillagruppierungen der FARC und ELN Kindersoldat*innen im kolumbianischen Konflikt eingesetzt haben, sondern auch die Paramilitärs (ca. 20 Prozent der insgesamt eingesetzten Kindersoldat*innen).

Das Phänomen der Rekrutierung von Kindersoldat*innen ist schwer zu greifen, da hier verschiedene Faktoren und Strategien zusammen kommen. Zu betonen ist, dass Kindersoldat*innen sich nicht ausschließlich unter Zwang den bewaffneten Gruppen anschlossen, sondern sich zumeist „freiwillig“ dazu entschieden. Es müssen also vor allem die Rekrutierungsstrategien der Konfliktakteure sowie die sozio-ökonomischen und -politischen Rahmenbedingungen betrachtet werden, in denen die betroffenen Kinder und Jugendlichen aufgewachsen sind.

Die Kinder und Jugendlichen stammten oft aus ländlichen, marginalisierten Regionen, die verstärkt vom bewaffneten Konflikt und Armut betroffen waren und unter dem Einzugsgebiet der FARC standen. Oftmals wurden sie zusammen mit ihren Familien im Zuge des Konflikts aus ihren Heimatdörfern vertrieben. Neben dieser externen Gewaltkomponente erlebten auch viele der Kindersoldat*innen häusliche Gewalt und stammten aus zerrütteten Familienverhältnissen. Eine dürftige oder gar keine Schulbildung und somit fehlende Zukunftsperspektiven führten zusätzlich dazu, dass die Kinder und Jugendlichen den Eintritt in die Guerilla als einzige Chance zur Verbesserung ihrer ausweglosen sozialen Situation sahen. Diese Perspektivlosigkeit wurde von den Guerillatruppen ausgenutzt, indem sie den Kindern und Jugendlichen eine „Zukunftsperspektive“ vermittelten, die von den Kindersoldat*innen ein abgeschottetes, gehorsames Soldat*innenleben und das Töten von Mitmenschen verlangte. Die angewendeten Rekrutierungsstrategien umfassten laut einer Studie von Victoria Lugo (2018) v.a.:

  • Das in Aussicht Stellen von Lohn (v.a. von den Paramilitärs angewendet);
  • das Ausnutzen von Kindersoldat*innen, um andere Kinder und Jugendliche von einem Beitritt in die bewaffnete Gruppe zu überzeugen;
  • das Durchführen von Umfragen in Gemeinden und Schulen, um potenzielle Kindersoldat*innen auszuwählen;
  • direkte Kampagnen an Schulen, bei denen die Schüler*innen die Uniformen anprobieren und die Waffen ausprobieren „durften“ und ihnen von einem Neuanfang vorgeschwärmt wurde.

Besonders letztere Strategie, die direkte Rekrutierung an Schulen, eröffnet vor dem Hintergrund der prekären sozialen Lage der Kinder und Jugendliche eine besonders erschreckende Dimension. Bedenkt man, dass auch die Bundeswehr in Deutschland „Informationstage“ an Schulen anbietet, stößt dieser Aspekt sehr unangenehm auf.

Literatur zur Rekrutierung von Kindersoldat*innen im bewaffneten Konflikt Kolumbiens:

  • Lugo, Victoria (2018): Niños y jóvenes excombatientes en colombia: ¿por qué se vinculan y separan de la guerra? In: Athenea Digital, 18 (2).
  • Weber, Hartwig (2009): Kindersoldaten in Kolumbien. Online abrufbar unter: http://www.strassenkinderreport.de/index.php?goto=135&#zahlen, zuletzt aufgerufen am 31.03.2019.